Kapitel 1 Teil 2
Tarun galt als Schmelztiegel aller Art von Geschäftsleuten. Ein nie schlafendes Ungetüm, das sich erst in den letzten dreihundert Jahren zu seiner vollen Größe entwickelte. Die Galaner versprachen sich Profit vom Handel mit den Wedonern, ohne zu ahnen, dass diese nichts von ihren vielfältigen Produkten benötigten. Raischa schmunzelte. Sie haben keine Vorstellung davon, wie wir leben. Unsere Magie verstehen sie als übertriebenen Mythos, geboren in einer fernen Vergangenheit. Sie verkaufen Produkte, die wir jederzeit mit Schak erschaffen. Angeblich dient dies dem politischen Frieden. In diesem Sinne wird es in der Schule gelehrt und genauso spricht Vater darüber.
Der dritte Tag brach an. Gedankenpfeile der Mutter klärten Raischa und ihren Vater über die Zustände in Tarun auf. Tausende von Menschen hüteten mit hohem Fieber ihr Bett. Einzelne Familien beklagten Todesfälle. Den dronalischen Stadtverwaltern erschien die Lage mit Recht beängstigend genug, um die Wedoner um Hilfe zu bitten. Ihre eigenen Medikamente bekämpften zu ihrem Leidwesen oft nur die Symptome, da ihnen die wahren Ursachen nicht bekannt waren.
Die Heilerinnen unter den Wedonern nutzten die Kraft von Pflanzen. Auf diese Weise erhielten die Galaner nebenbei Wissen über natürliche Heilmittel.
Raischa war überzeugt, alles über die Blutphase zu wissen. Das Thema hatte sie längst in Rozzo mit ihren Freundinnen bis ins letzte Detail durchgequatscht. Sie wusste erschöpfend, was auf sie zukam und das trug keineswegs zu einer besseren Stimmung bei. Es schien das unabwendbare Schicksal aller wedonischen Mädchen zu sein. Sie vermisste ihre Freunde und das gemeinsame Magie-Training in Rozzo, das vor zehn Jahren anfing. Der Kontakt mittels Gedankenpfeilen blieb zwar bestehen, trotz allem fehlte ihr der persönliche Austausch von Angesicht zu Angesicht.
Nicht ausschließlich die kommende Blutphase drückte auf ihre Stimmung. Weiterer Ärger präsentierte sich in Form der nervigen Rotznasen aus Dronala, deren Eltern den König besuchten. Je nach Zweck des Besuches dauerte ihr Aufenthalt ein paar Monate oder Jahre.
Den Dronalern lag eine gute Beziehung zu den Wedonern am Herzen. Ihre Kultur hielt die Geschichte im Herzen, die beinahe zur Eliminierung ihrer Rasse führte. Diese Rotznasen – in ihren Augen total ungebildet –, standen gemäß ihrem Dafürhalten für die Selbstverliebtheit ihrer Rasse. Nach dem zur Schau getragenem Stolz, könnte man meinen, der König persönlich sei ihr Vater und die Wedoner seine Lakaien.
Haha, es macht ja Sinn, dass sie ein kleingewachsenes Mädchen wie mich, das einer 16-jährigen Galanerin ähnelt, nicht mit Respekt ansehen. Im Vergleich zu mir strotzen ihre Körper vor Kraft und Tatendrang. Das macht es schwerer, ihr selbstgefälliges, überhebliches Getue auszuhalten. Erhalten diese Deppen von ihren Eltern keine Informationen über die Schak? Die Dronaler, die hier unseren König besuchen, sind bezüglich der Schak aufgeklärt und angewiesen ihre Kinder zu unterrichten.
Es juckte Raischa manchmal in den Fingern, ihnen mittels Magie den Stolz zu brechen. Was sie zusätzlich wütend machte, war die Tatsache, dass sie sich über solche Dummköpfe aufregte. Denn emotionale Selbstkontrolle gehörte in Wedona zu den Tugenden, die in jungen Jahren zu verwirklichen waren. Weils passte, machte Raischa ihren Mangel an Selbstkontrolle am Verhalten der dronalischen Kinder fest.
Die oft wiederholte Frage an meinen Vater:
»Warum brauchen wir einen König und erst recht einen Dronaler. Er ist schuld, dass mich ständig diese überheblichen Kinder nerven.«
Die Antwort ihres Vaters kam immer geduldig und mit ähnlichem Inhalt:
»Du hegst kühne Gedanken. Wir Wedoner benötigen keinen König, wir wünschen uns einen König. Es ist, aufgrund unserer kriegerischen Vergangenheit, ein Zeichen des guten Willens und Respekts. Du hast keinen Grund den König zu beschuldigen. Es wäre besser, du beschuldigst deine mangelhafte, mentale Selbstkontrolle und deine fehlende Empathie für die Kinder, die fernab ihrer Heimat nach fremden Regeln leben sollen. Nach der Wahl des Königs Widur Lokatu Drohnan berief mich der Magierbund in dessen Beraterstab. Dies bedingte unseren Umzug nach Urna. Aber es ist der Magierbund, der eigenständig aus den Reihen dronalischer Kriegerprinzen einen geeigneten Mann für den Königsstuhl wählt. Er ist im Grunde kein dronalischer, sondern ein wedonischer König, der sich mit seiner Ehre und seinem Leben unserem Land verpflichtet. Zusammen mit dem Magierbund beruft er aus den empfohlenen Magiern, ein paar an seinen Hof. Es steht ihm frei, diesen Beraterstab mit bis zu fünf vertrauten dronalischen Kriegerprinzen zu ergänzen. Ich betrachte es als Ehre, mit ihm zusammen unser Land und Erona zu beschützen. Und denk daran, diese dronalischen Kinder, sobald ihr Kamoha einsetzt, sind mit Sicherheit deutlich unausstehlicher.«
Eine Bemerkung, die mir die Frage entlockte, ob ich selber durch den Wandel ebenfalls unausstehlicher sein würde. Seine schräge Antwort.
»Bist du gegenwärtig keine Nervensäge, die uns täglich Kopfschmerzen bereitet?«, witzelte Vater mit ernster Miene. »Man stelle sich vor, was katastrophaler wäre, ein dronalischer Junge oder ein wedonisches Mädchen im Kamoha? Meine liebe Raischa, uns Wedonern bleibt das Kamoha zum Glück erspart, ansonsten sähe es für Erona übel aus.« Das nachfolgende Lachen hallte in Raischas Geiste nach.
Raischa erinnerte sich an ihr Heimatdorf Rozzo, an ihre Freunde, mit denen zusammen sie spielte und Spaß hatte und so manchen Schabernack trieb, was ihren Eltern häufig eine Lachträne entlockte. Alles, was Raischas Leben bisher prägte, begann in Rozzo. Die fantastische Wildnis der Natur, ohne Zweifel der Ritus und die Jahre der Ausbildung durch Gor-Ra, den Hüter des Magierkreises oberhalb von Rozzo. Danach kam der Umzug nach Urna, der 3000 Kilometer entfernten Hauptstadt.
Vor ihrem inneren Auge formte sich das Bild des Magierkreises.
Sommer 430 vor Tamaschi – Vergangenheit
Alle Wedoner durchlaufen im sechsundzwanzigsten Lebensjahr den Ritus des Bandes. Wie jedes Jahr, zur Sommersonnenwende, erfreuen sich die ausgewählten Kinder und ihre Verwandten an diesem Ritus.
Ein paar ältere Magier nutzen ihre Schak, um die Besucher mit allen Annehmlichkeiten zu versorgen. Mit Schak durchzogene Schauspiele und Tricks, entlockten den Kindern begeistertes Klatschen. Ein winziger Vorgeschmack auf ihre künftigen Fähigkeiten.
Die Hochebene lag in einem kühlen Halbschatten, erzeugt von dünnen, farbigen Tüchern, die wie von unsichtbarer Hand gehalten, weit über dem Boden schwebten.
Der Ritus gehörte zu den Festen, den man trotz des bedeutsamen Hintergrundes, mit Spiel, Spaß und unglaublich schmackhaften Speisen feierte. Alle beteiligten Familien wohnten dem Fest von Anfang bis zum Ende bei. Durchschnittlich 700 Kinder durchliefen in Rozzo dieses Ritual, begleitet von ihren Eltern und Verwandten. Die vier- bis fünffache Menge galt es zu versorgen. Alles kein Problem für die Magier, welche die Teilnehmer mit ihren Kochkünsten verwöhnten.
Zwei ihrer besten Freundinnen, Abhaya und Alka, sowie Utschas, der Freund der Dreien, bereiteten sich ebenfalls auf den Ritus vor.
»Herzlich willkommen liebe Anwärter und Gäste«, erklang aus allen Richtungen die mittels Schak gleichmäßig verteilte Stimme des Hüters. »Wie ihr wisst, erfordert der Ritus Ruhe und absolute Privatsphäre.« Er lächelte in die Runde. »Diesen Sommer sind sechshundertachtzig Jungen und Mädchen hier am Magierkreis von Rozzo versammelt, um ihre Schak zu aktivieren. Ihr alle kennt die Bedeutung ebenso wie den Ablauf. Lasst uns das Fest beginnen!«
Die Reihenfolge kannten alle Kinder und deren Eltern. Jene, die am heutigen Morgen für den Ritus ausgeschrieben waren, zeigten sich mehrheitlich konzentriert und in sich gekehrt, während sich die anderen dem fröhlichen Treiben widmeten.
Der Hüter Gor-Ra legte seine linke Hand die Seite des zentral gelegenen Herzsteins. Ein glänzendes Kraftfeld dehnte sich vom Zentrum des Kreises aus, bis es sich als Halbkugel über den gesamten Raum der hinausdehnte und verharrte. Gleichzeitig verlor das Feld seinen Glanz und veränderte sich zu einem steingrauen undurchsichtigen Farbton, was den Magierkreis vor allen Augen verbarg. Auf der südlichen Seite bildete eine fingerdicke schwarze Fuge einen Torbogen von knapp drei Metern Höhe. Rechts daneben standen in grünen Schriftzeichen die Namen der ersten zehn Kinder, die sich vor dem Eingang einreihten. Was sofort auffiel, die Reihenfolge der Namen, die keiner sichtbaren Logik folgte.
Das Kraftfeld innerhalb des Torbogens verschwand. Der erste Name leuchtete auf. Das Mädchen folgte dem Aufruf des Hüters, der neben dem Herzstein stand, und schritt in die Kuppel. Der Eingang schloss sich, übrig blieb die schwarze Kennzeichnung des Torbogens. Der erste Name verschwand und unten fügte sich ein Neuer hinzu. Raischa beobachtete die eindrucksvolle Szenerie voller Neugier.
Der dritte Tag brach an.
Abhaya und Utschas wirkten entspannt und zugleich energiegeladen. Sie gehörten zu den Ersten, die ihr Band des Ritus erhielten. Alka folgte gestern Nachmittag. Sie verhielten sich Raischa gegenüber gespielt zurückhaltend, als ob Sie große Geheimnisträger wären.
Das Tor zur Kuppel öffnete sich, der Junge, der vor ihr eingetreten war, eilte mit strahlendem Gesicht seinen Eltern entgegen. Raischas Name leuchtete auf. Sie folgte dem Ruf des Hüters und trat in die abgeschirmte Kuppel des Magierkreises. Um sie herum verstummten schlagartig alle Geräusche des Festbetriebes. Die Kuppel diente als Sichtschutz. Zu ihrer Überraschung besaß sie zusätzlich eine schallisolierende Wirkung.
»Raischa, komm zu mir«, der Hüter warf ihr einen aufmunternden Blick zu. Ihre Gedanken schweiften derweil in die Vergangenheit. Erinnerungen über Jugendstreiche mit ihren Freunden tauchten auf, die sie innerlich zum Kichern brachten. Hätten sie in Zukunft Zeit für solche Späße?
»Raischa«, die Stimme des Hüters holte sie in die Gegenwart zurück. Er führte sie zum Ersten von dreizehn Steinen, die den Herzstein kreisförmig umgaben. »Lege deine Stirn direkt auf das Symbol.« Sie sah das dunkelblaue Zeichen, das glänzendem Metall ähnelte und fugenlos ins Gestein eingearbeitet war. Sie beugte ihren Kopf Richtung Symbol, das auf ihrer Kinnhöhe lag.
»Schließ deine Augen und umarme in Gedanken den Stein«, erklang Gor-Ras Stimme einen Meter seitlich von ihr.
Sie schloss die Augen und sammelte ihren Geist. Vor ihr schien ein Licht aufzuflammen.
Ihre Mutter sprach in den letzten Jahren oft voller Respekt über die Bedeutung des Ritus. Die erste Erfahrung der universellen Schak.
Eine fremde und gleichzeitig vertraute Kraft durchströmte ihren Geist. Einen kurzen Moment bemerkte sie eine unbekannte sanfte Wärme, verbunden mit einer überragenden Ehrfurcht gebietenden Kraft, die sich wie schützend um sie zu legen schien.
»Raischa, öffne deine Augen und geh zum zweiten Stein und wiederhole den Vorgang.« Sie löste ihre Stirn vom Symbol, welches gelblich leuchtete. Weitere elf Steine folgten.
Jeder der glatt polierten Steine lag exakt dreizehn Meter vom Herzstein entfernt. Sie umgaben ihn regelmäßig, ließen jedoch in Richtung des Torbogens eine Lücke, in die ein vierzehnter Stein perfekt hineingepasst hätte.
Raischa löste sich vom dreizehnten Symbol, das ebenfalls hell leuchtete. Der Hüter gab ein merkwürdig klingendes Geräusch von sich. Raischa schaute zu ihm auf und sah in ernst blickende Augen.
»Ausgezeichnet.« Er führte sie zum Herzstein, auf die vom Tor abgewandte Seite. Kurz oberhalb ihrer Kopfhöhe schimmerten zwei gelbe, zehn Zentimeter durchmessende Symbole.
»Leg deine Handflächen jeweils auf die Mitte der Zeichen.« Gor-Ras Stimme klang kratzend.
Sind nicht alle Magier imstande ihren Körper selber zu heilen? Er sollte seinen Hals besser pflegen, schoss es flüchtig durch ihren Geist. Sie wusste zu dieser Zeit nicht, dass der Großteil der Magier nicht über den elften Stein hinaus gelangten. Daher bestand in ihrer Wahrnehmung kein Zusammenhang zum kratzenden Halsgeräusch und ihrer offenbarten Schak.
Sie legte die Hände wie angewiesen auf die Symbole und schloss die Augen. Wellen der Kraft strömten durch ihre Arme in den Körper. Raischa bemerkte wie sich die Schak im Becken sammelte und ähnlich einer heißen Flüssigkeit die Wirbelsäule entlang nach oben floss, wo sie Sekunden später den gesamten Kopf ausfüllte. Ein Gefühl, wie wenn ihr Körper nicht mehr existieren würde, ergriff sie. Die kraftvolle Hitze konzentrierte sich auf einen Punkt zwischen den Augenbrauen und schien von dort auf geistige Art weiter zu fließen. Sie öffnete die Augen und sah, wie die Spitze des Herzsteins, von einem kugelrunden Juwel gebildet, in einem satten blauvioletten Licht leuchtete. Flüchtig bemerkte sie die zwei Symbole unter ihren Handflächen, die in einem goldgelben Ton strahlten. Der Kreislauf der Energie wirkte extrem belebend, ja, nahezu berauschend auf Raischa.
Gor-Ra stand mit halb offenem Mund staunend daneben. Niemals sah er in seinem langen Leben, dass dieser kugelförmige Stein leuchtete.
»Raischa, du kannst loslassen.« Sie trat einen Schritt zurück, vom Erlebten euphorisiert. Gor-Ra überreichte ihr das Band.
»Trage dieses Band Tag und Nacht. Sobald du mit der Technik des Geistreisens vertraut bist, solltest du es in deinem geistigen Körper belassen. Seine Kraft verhindert die Wahrnehmung deines Bandes. Du bestimmst darüber, wer deine potenzielle Macht sieht. Kein Magier ist imstande den Schutz zu durchdringen oder das Band zu entfernen. Sogar ein Magier mit ›Band 14‹ ist unfähig, ein niedrigeres Band zu überwinden«. Er sah sie mit ernstem Blick an. »Bitte erzähle niemandem, nicht deinen Freunden oder Eltern, wie der Herzstein aufleuchtete. Denn dieser erzeugte einen kurzen Energiestoß. Ich weiß nicht, ob der Schild ihn blockierte. Auf Erona gab es bisher immer nur einzelne Wedoner, welche beim Ritus die zwei Handsymbole des Herzsteins aktivierten. Es sind Träger die von ›Band 14‹. Dass der Herzstein zum Leuchten fähig ist, betrachtet man als Fantasiegeschichte. Die Schak, die in dir wohnt, würde zu diesem Zeitpunkt – kurz vor dem Tamaschi – bei einigen Magiern Neid und Missgunst oder irrationale Ängste und Begierden wecken. Es dient deinem Schutz, und derer, die von dieser potenziellen Fähigkeit wüssten. Verhindere, vor deiner abgeschlossenen Ausbildung, darüber zu sprechen oder irgendjemandem Einblick zu gewähren. Zuerst bist du verpflichtet, zu lernen, wie du die Schak zum eigenen Schutz benutzt. Ich rate dir darum, deine wahre Kraftstufe als dein wichtigstes Geheimnis zu hüten«.
Beeindruckt von seinen eindringlichen Worten nickte sie. Er verbeugte sich leicht zum Abschied und deutete zum wieder geöffneten Torbogen.
Raischa trat aus der Kuppel und überlegte fieberhaft, wie sie ihre Freunde und Eltern schützte, ohne sie zu belügen. Hei, ich brachte den dreizehnten Magierstein zum Leuchten! Das passt und es ist keine Lüge. Ich gebe mich als Trägerin von ›Band 13‹. Zudem ist das Aufleuchten des Herzsteins unbekannt, es gibt keine zugehörige Bandstufe. Gor-Ra stellt weitere Nachforschungen zum leuchtenden Herzstein an.
Raischa ahnte nicht, dass der Feuerbund seit weit über tausend Jahren alles daran setzte, neue Magier ab ›Band 12‹ für ihren Geheimbund zu rekrutieren.
Nathu, ein Mitglied des Feuerbundes, nahm seine jährliche Aufgabe ernst. Seit Hunderten von Jahren erforschte er das Gedächtnis aller Kinder, die den Ritus in Rozzo durchliefen. Er war Träger von ›Band 11‹.
Er besaß die ausgereifte Fähigkeit der Täuschungsmagie. Das Festgelände war erwartungsgemäß von aktiver und passiver Magie erfüllt. Das erlaubte ihm, sich unauffällig unter den Gästen zu bewegen. Er schlenderte wie die Familienangehörigen durch die Masse der Menschen und schien sich köstlich zu amüsieren. Auf diese Art belauschte er Gespräche, in der Hoffnung, dass sie über ihre jeweilige Stufe mit Freunden oder Angehörigen sprachen. Es war eine langweilige Aufgabe. Der Befehl seines Meisters war jedoch deutlich und einzig ein Selbstmörder hätte es gewagt, Feuerhands Befehle zu ignorieren. Konzentriert bewegte er sich gemächlich durch die Menge. Kein Gesprächsfetzen erregte seine Aufmerksamkeit.
Früher war es leicht die Gedanken der Kinder zu erforschen. Vor 70 Jahren, exakt 500 Jahre vor Tamaschi, beschloss der Magierbund zur Überraschung aller, dass die Hüter der Magierkreise einen Schutz ins Band des Ritus einbetten. Sie wurden angewiesen, den Neulingen und sich persönlich, mithilfe des Herzsteines im Zentrum der Magierkreise ebenfalls ein undurchdringliches Schild zu verpassen. Wer die Kunst des Gedankenlesens anwendet, liest zwar alle Gedanken, doch die gewünschte Information zur Kraftstufe bleibt verborgen, als ob sie nicht vorhanden wäre.
Es schien eine schicksalhafte Fügung zu sein, dass er im Gewimmel der Kinder ein paar Worte aufschnappte. »… gehört? ›Band 13‹ … toll.« Wer die Wortfetzen sprach, gelang ihm nicht zu eruieren.
Sein Auftrag, alles zu melden, was auf ›Band 12‹ oder darüber hindeutet. Mittels Gedankenpfeil trat er mit Melar in Kontakt. Kurz vor Ende der Festlichkeiten reiste er nach Art der Wedoner, mittels Geistreise, in das zentrale Versteck des Feuerbundes, wo ihn Feuerhand persönlich empfing. Wenige Tage später besaß er die Liste der teilnehmenden Kinder.
420 vor Tamaschi – Zurück in der Gegenwart
»Wieder am Träumen, Kleine?«, spöttelte Gulab und lachte breit.
Gulab wohnte seit zehn Tagen in Urna. Er ist 21 Jahre alt. Zum Leidwesen Raischas überragt er sie um 40 Zentimeter, obschon sie selber 15 Jahre älter ist. Im Grunde sieht er nicht übel aus, aber er nervt mich von Tag zu Tag mehr.
Raischas Gesichtsausdruck und ihre Körperhaltung änderte sich augenblicklich. Sie wirkte wie eine galanische Raubkatze, die auf den richtigen Moment wartete, um ihm an die Gurgel zu springen.
»Ich messe 1,65 Meter«, schnaubte sie ihn an, »und ich gucke nicht aus dem Gesicht wie ein galanischer Bergaffe.« Gulab schnitt eine Grimasse und sah sie wütend an.
Zufrieden, seinen Ärger zu sehen, strich sie unbewusst mit dem rechten Zeigefinger über ihr Band.
Gulab erschrak innerlich, ohne sich irgendwas anmerken zu lassen. Sein Vater hatte ihn eindringlich gewarnt, nicht die Kinder der ansässigen Wedoner zu ärgern, Streitlust hin oder her. Der nachfolgende drohende Blick untermauerte den Befehl. Du hast keine Vorstellung davon, wie gefährlich die Kraft in diesen zarten Kindern ist. Halte dich immer an deine dronalischen Freunde, wenn’s dich unter deinem Schädel juckt! Die klaren Worte des Vaters hingen fest in seinem Gedächtnis. Gulab schluckte ab dieser Erinnerung.
Dass in der Hauptstadt Urna und der näheren Umgebung die Anwendung von Schak untersagt war, verschwieg ihm sein Vater, um seinen Worten Nachdruck zu verleihen.
Raischa fühlte sich eingeengt. Das Verbot erfüllte sie mit dem Empfinden von Unterlegenheit. Am liebsten wäre sie täglich beim Hüter in Rozzo, um bei ihm zu üben. Es gab alles Mögliche zu lernen und zu verbessern. Zusätzlich besaß er die nötige Geduld und Nachsicht, um mit ihrem überschäumenden Temperament umzugehen. Außerdem war er der einzige Mensch, der das Potenzial ihrer Schak kannte.
Raischa spürte das Band, das sie um den Hals trug, und verstand schlagartig die Unruhe, die von Gulab ausging.
Ein Lächeln schlich auf ihre Lippen. Er weiß bestimmt, dass ich keine Magie benutzen darf, schoss es ihr durch den Kopf.
Ich sollte mit Papa reden. Mehr Übungsmöglichkeiten waren unabdingbar. Und wo ist das beste Übungsfeld? Im realen Leben. Wo sonst? Gedankenversunken wandte sie sich von Gulab ab und schlug die Richtung zu den Beraterhäusern ein, wo ihr Haus lag.
Gulab schaute ihr überrascht hinterher und grinste erleichtert.
