Kapitel 1
Herbst 420 vor Tamaschi
Urna ist todlangweilig, dachte Raischa. Sie sehnte sich nach Rozzo, ihrem Heimatdorf, mitten in der Wildnis des wedonischen Hochgebirges. Lustlos schlenderte sie durch die Straßen und Gassen der Hauptstadt. Ihr Äußeres entsprach einem galanischen Teenager. Wer nichts über die wedonische Rasse wusste, ahnte niemals, dass dieses schmächtige Mädchen 36-jährig war und in ihm eine gewaltige Macht schlummerte.
Sie ließ das Gespräch mit ihrer Mutter, welches sie vor wenigen Tagen führte, Revue passieren. Das Thema für sich war peinlich genug und die zusätzliche Anwesenheit ihres Vaters verstärkte diese Empfindung. Warum haben sie sich dabei gegenseitig sorgenvolle Blicke zugeworfen? Wusste nicht längst jede Jugendliche darüber Bescheid?
»Wenn der Wechsel einsetzt, wird dein Körper einen schnellen Wachstumsschub durchmachen. Begleitend wandelt sich dein Körper zur Frau. Gleichzeitig beginnt ein stetiger mentaler Reifeprozess, der ein paar Jahre andauert.« Das Lächeln ihrer Mutter vermochte den sorgenvollen Blick nicht zu verbergen.
»Ich hatte nie die Absicht, ein Mann zu werden«, erwiderte Raischa im Gefühl, belästigt worden zu sein. »Mom, ich bin ein Mädchen, irgendwas anderes, als eine Frau zu werden, steht nicht zur Debatte!«
»Mein Kind«, erwiderte Yavonne mit leicht angehobener Stimme, kaum in der Lage, ihren Lachreiz zu unterdrücken. Der sorgenvolle Blick wich gespielter Ernsthaftigkeit. »Sei bitte nicht vorwitzig. Es gibt in dieser Phase deiner Entwicklung ein paar Aspekte, die erst durch unmittelbare Erfahrung klar einzuordnen sind. Allerdings ist es zu deinem Vorteil, wenn du vorher ein theoretisches Verständnis entwickelst. Du stehst kurz vor der Blutphase. Es ist Zeit, dich mit dem Wissen über das Unvermeidliche zu befassen.«
Blutphase, der Ausdruck drehte sich in ihrem Kopf. Schon der Gedanke daran war ihr zuwider, geschweige denn, dies ein ganzes Jahr Tag für Tag zu ertragen.
»Raischa«, Moms Stimme klang eindringlicher, »du kannst dieser Umwandlung deines Körpers nicht ausweichen! Je mehr du darüber weißt, umso leichter ist es, damit umzugehen.« Das Gespräch wurde abrupt von einem Gedankenpfeil an ihre Mutter unterbrochen.
»Eine Hilfeanfrage aus Tarun gelang an den Magierbund. Sie benötigen Heilerinnen.« An Raischa gewandt: »Wir sind nicht fertig!« Yavonne stand auf, umarmte ihre Tochter und verabschiedete sich ebenso von Roschan, ihrem Vater, um sich mit den anderen aufgebotenen Heilerinnen zu treffen. Raischa beobachtete ihn aus den Augenwinkeln. Er wirkte entspannt und schien keine Lust zu haben, diese für sie unangenehme Thematik weiter zu vertiefen. Ihr erleichtertes Seufzen zauberte ein Lächeln auf sein Gesicht.
Ein Gedankenpfeil ihrer Mutter traf Raischa unvermittelt. »Jedes Mädchen durchlebt diese Phase. Verweigerung bringt dich nicht vorwärts, finde dich damit ab. Konzentriere dein Bewusstsein auf die Ausbildung. Das wird dir im Wandel weiterhelfen.« Die Botschaft untermauerte ihr eigenes Gefühl, dass ihr nicht mehr viel Zeit blieb.
Noch am gleichen Tag reiste Yavonne gemeinsam mit den anderen Heilerinnen nach Tarun, eine galanische Millionenstadt westlich von Rina, dem letzten Städtchen Wedonas, vor der Grenze zu Galana.
Raischa grinste vor sich hin. Keine nervigen Gespräche über die Blutphase. Mom ist in Tarun. Warum sorge ich mich immer, wenn sie nach Galana reist? Raischa kam ins Grübeln. Vermisse ich sie? Nein, das ist es nicht. Die Millionenstadt? Sie dachte an Rozzo, das kleine Städtchen, in dem sie aufwuchs. Das ist es. Raischa lachte laut auf. Es ist die gewaltige Masse von Menschen, in der ich mich erdrückt fühlen würde. Mom macht das Spaß. Also kein Grund zur Sorge.
